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Kurzgeschichte | Chronik | Peter Rosenzweig | 100 Jahre Jubiläum | Insolvenz 2003

 

Peter Rosenzweig über sein Leben

Peter RosenzweigDie Artikelserie über die Babelsberger Fußballgeschichte wird von einem Autor verfaßt, der kein gebürtiger Babelsberger ist, aber schon seit 1938 hier lebt. Ich stamme aus dem schönen Spreewaldstädtchen Lübben, wo ich am 2. Oktober 1929 geboren wurde. Als ich 1936 eingeschult wurde und das Lesen erlernte, erschienen mir neben der Lesefibel und den schon damals sehr beliebten Märchen der Gebrüder Grimm vor allem Bücher von Karl May und die Zeitschrift "Die Fußball - Woche" als sehr interessante Lektüre. Letzteres war kein Zufall. Wenn in unserer Familie auch kein aktiver Kicker vorhanden war, so spielte diese Sportart doch immer eine große Rolle. Kein Wunder: Mein Vater stammte aus Gelsenkirchen, der Stadt der damals mit großem Abstand besten deutschen Fußballelf FC Schalke 04. 1936 nahm er mich zu meinem ersten Spiel von Blau - Weiß Lübben mit.

Als es 1937 klar war, dass unsere Familie im folgenden Jahr nach Nowawes (so hieß Babelsberg bis 1938) umziehen würde, studierte ich umso aufmerksamer Fußball - Tabellen und - Berichte. Mit gemischten Gefühlen, denn ich entdeckte zu meiner Freude, dass in der damaligen höchsten Klasse von Berlin - Brandenburg, der Gauliga, der SV Nowawes 03 spielte. Zu meinem Entsetzen mußte ich feststellen, dass höchste Abstiegsgefahr bestand. Und als wir am 17. Mai 1938 in Babelsberg ankamen - die Umbenennung war inzwischen vollzogen -, kamen wir in die Stadt eines Absteigers. Eine Reihe der besten Spieler wurden nun von prominenten Berliner Vereinen "aufgekauft". Ich kann mich gut erinnern, dass damals in Babelsberg eine sehr gedämpfte Fußball - Stimmung herrschte, allerdings gebessert durch den Aufstieg des erstarkten Ortsrivalen VfL Eintracht 06, der bald fast gleichstarker Kontrahent der Nulldreier wurde, in die zweithöchste Klasse.

Die Frage, ob ich eine Fußball - Laufbahn geplant hatte, muß ich mit Nein beantworten. Mit sieben Jahren erkrankte ich an Scharlach, und in seinem Gefolge fing ich mir eine unangenehme Herzkrankheit ein, die mir seitdem viel Ungemach und jahrelange schwierige gesundheitliche Probleme bereitet hat. Natürlich spielte ich in der Schulzeit Fußball, in "Klass- enspielen" und in der Mannschaft der Althoffschule (sogar zweimal 1946 im heutigen "KarLi", wo Bombentrichter aus dem Krieg notdürftig zugeschüttet worden waren), doch bald mußte ich die Fußballschuhe an den Nagel hängen. Ich war dann aktiver Tischtennisspieler, eine Sportart, die mir großen Spaß machte, die auch nicht so kraftraubend war. Ich hatte Talent, wurde nach 1945 zweimal Potsdamer Jugendmeister im Einzel und Doppel. Doch die gesundheitlichen Schwierigkeiten nahmen wieder zu, und so mußte ich 1954 als Mitglied der Bezirksligamannschaft von Motor Babelsberg mit dem wettkampfmäßigem Tischtennis aufhören, was mir sehr schwer gefallen ist. Zum Tischtennis habe ich weiter eine sehr enge Verbindung als ehrenamtlicher Funktionär auf Kreis-, Bezirks- und zentraler Ebene gehalten, und zwar 47 Jahre lang, von 1945 bis 1992. Unter anderem war ich 35 Jahre Staffelleiter und 25 Jahre Vorsitzender der Rechtskommission des Bezirksfachausschusses Potsdam. 1976 erhielt ich die Ehrenplakette, die höchste Auszeichnung des DDR - Tischtennisverbandes.
Trotzdem: Der Fußball blieb in meinem ganzen Leben die Sportart Nr. 1. Das Interesse war auch im 1939 begonnenen 2. Weltkrieg nicht gemindert. In der Schule war außerhalb der Unterrichtsstunden - gelegentlich auch innerhalb - fast nur von Fußball die Rede. Wer keine Ahnung hatte, war "out". Bis dienstags war das vergangene Spiel Gesprächsgegenstand, ab Mittwoch das kommende. Montags war nach Siegen die Laune auch während des Unterrichts gut, nach Mißerfolgen grübelte man ärgerlich, und man war unangenehm überrascht, wenn man durch eine plötzliche persönliche Frage des "Paukers" gestört wurde.

Inzwischen war Babelsberg in Potsdam eingemeindet worden, wenige Tage vor Kriegseinbruch schlossen sich der SV Babelsberg 03 und der FC Sportfreunde Potsdam zur SpVgg Potsdam 03 zusammen. Viele Aktive mußten an die Front, Nulldrei wurde extrem geschwächt. Ab 1942 ging es mit der Mannschaft durch einige leistungsstarke Gastspieler und von der Front nach Ausheilung der Verwundungen zurückgekehrte Kicker wieder aufwärts. 1943 gelang der Wiederaufstieg in die oberste Klasse, dort verblieb die Elf bis zum Kriegsende. Schlimm war der sinnlose Tod auch vieler Babelsberger Fußballer an den Fronten des Krieges. Ich erinnere mich noch heute, wie traurig ich damals war, wenn ich sonntags beim Betreten des Sportplatzes am Horstweg oder des heutigen KarLi die Fahnen auf halbmast geflaggt sah - ein Zeichen, dass wieder ein junger, hoffnungsvoller Fußballer gefallen war. Auch diese Eindrücke haben mich zu einem lebenslangen konsequenten Gegner von Kriegen gemacht - des damaligen wie der heutigen.

Gegen Ende des 2. Weltkrieges hatte ich noch einige kritische Augenblicke zu überstehen, weil ich dem Einberufungsbefehl, der mir in den letzten Kriegstagen übermittelt wurde, obwohl ich wegen meines Gesundheitszustandes bereits zurückgestellt worden war, nicht Folge leistete. Ich hatte, nur fünf Tage (!) auf dem heutigen BUGA - Gelände ausgebildet, nicht die geringste Lust, noch in letzter Minute als 15 - jähriger verheizt zu werden. Es ging alles gut, am Abend des 24. April 1945 marschierte die Rote Armee in Babelsberg ein. Später erfuhr ich, dass viele Gleichaltrige, die sich ebenfalls verweigern wollten, aufgegriffen und am nächsten Baum aufgehängt wurden, mit einem Schild um den Hals: "Weil in den Tod in Ehren fürchte, sterbe ich ihn in Schande".

In der ersten Nachkriegszeit war angesichts der vielen Zerstörungen, des Hungers und des Elends an Fußball nicht zu denken. Der NS - Reichsbund für Leibesübungen war von den vier Hauptsiegermächten - UdSSR, USA, Großbritannien und Frankreich - verboten worden. Eine neue Sportorganisation wurde in Ostdeutsch- land aufgebaut, die SG Babelsberg entstand, wurde 1949 Meister des Landes Brandenburg. Ich beendete die Schulzeit, absolvierte eine Lehre in der Verwaltung und studierte an der Deutschen Verwaltungsakademie in Forst Zinna bzw. Babelsberg. Danach arbeitete ich in der Verwaltung, wechselte aber bald in die Wissenschaft und war lange Jahre Abteilungsleiter in einem zeitgeschichtlichen Institut in Berlin, bis ich 1990 in den Vorruhestand gegangen wurde.

Zeit zum Schreiben über Fußball hatte ich erst nach Abschluß meiner beruflichen Tätigkeit. Bekanntlich war ab 1961 allein die Fahrt zur und von der Arbeitsstelle in Berlin eine zeitraubende Strapaze. Dabei hätte es viel zu berichten gegeben, vor allem über die größte Zeit des Babelsberger Fußballs, die neun Jahre DDR - Oberliga 1949 bis 1958 von Rotation Babelsberg, aber auch über die DDR - Liga - Zeit von Motor Babelsberg. Die Kollegen in meinem Betrieb nahmen großen Anteil am Babelsberger Fußballgeschehen. Die Dienstbesprechung am Montagmorgen begann stets mit einer "Fußball - Runde". Hatte Babelsberg gewonnen, gratulierten mir alle, nach Niederlagen mußte ich genau Rechenschaft ablegen, warum es schief gegangen war. Einige, die nicht so genau im Bilde waren, machten mir gar Vorwürfe, als ob ich mitgespielt und das Ding vergeigt hätte.

1953 war in der DDR der Fußball - Toto eingeführt worden, und ich machte wacker mit. 1954 legte Rotation Babelsberg eine grottenschlechte Halbserie in der DDR - Oberliga hin. Sieben Spiele hintereinander gingen verloren, immer hatte ich das Kreuz auf dem Schein für Babelsberg gemacht. Da der nächste Gegner auswärts die Berliner Dynamos waren, dachte ich mir: Wenn du wieder für Rotation tippst, könntest du den Schein gleich in den Ofen werfen. Also wurde ich untreu, tippte gegen Babelsberg - und wurde grausam bestraft. Babelsberg gewann 3:0, das war mein einziger Fehler. Hätte ich auch das achte Spiel durchgehalten, wäre ich in den Besitz von runden 40.000 Mark gekommen, so blieben mir immerhin 446 Mark. Jahrzehnte später, als ich von "Schupo" Tietz und "Schrippe" Schröder, die zu den damaligen "Sündern" gehörten, scherzhaft "Schadensersatz" forderte, antworteten sie kalt lächelnd, warum ich denn nicht weiter auf Babelsberg gesetzt hätte? Mir fiel keine passende Antwort ein.

In der Zeit um 1990, als das Karl - Marx - Werk als Trägerbetrieb von Motor Babelsberg ausgefallen war, erfaßte den Babelsberger Spitzenfußball eine existenzgefährdende Krise, die nur mit großer Mühe abgewendet werden konnte. Mit der Neugründung des SV Babelsberg 03 im Jahre 1991 begannen zehn Jahre, in denen der erfolgreiche Weg von der Bezirksliga in die 2. Bundesliga beschritten wurde. Viel ist in dieser Zeit wie auch in den früheren Jahrzehnten geschehen, als Anhänger habe ich, wenn auch außerhalb der Barrieren, aber hautnah die Ereignisse seit 1938 erlebt. In der Artikelserie wird von großen Siegen und schmerzlichen Niederlagen, von himmelhoch jauchzender und zu Tode betrübter Stimmung die Rede sein. Möge die Babelsberger Fußballtradition Optimismus und Kraft vermitteln und dazu beitragen, auch die schwierigen Aufgaben der Gegenwart zu meistern.

 

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